Es war ein Engel

!Samstag, 03.05.2014. Wir hatten Stuttgarter Altstadt auf unserer Karte. Wir mussten nur noch unter einer Unterführung durch und dann wären wir schon dort. So liefen wir also die Treppen hinunter und sahen einen Obdachlosen, der an der Mauer an der Treppe lehnte und eine Suppe löffelte. Ich sah ihn und mir war es, als sollten wir ihn ansprechen. Er war nicht auf unserer Karte. Wir liefen weiter und es ging mir noch so durch den Kopf…In der Unterführung an der S-Bahn saß eine weitere Frau auf dem Boden. Wahrscheinlich auch eine Obdachlose. Sie hatte einen oder zwei Finger verbunden gehabt und sofort wussten wir, dass sie unser Schatz ist, denn wir hatten „weißen Finger“ auf der Schatzkarte. Wir kamen also ins Gespräch mit ihr. Sehr bald fand ich es nicht gut, dass vier Menschen um die eine am Boden sitzende Frau herumstehen. Und so beschloss ich, Ralf mit zu dem Obdachlosen zu nehmen, den ich vorher schon ansprechen wollte und der jetzt gerade an uns vorbei gelaufen war. In dem Gespräch kam heraus, wo er her kam usw und wir versuchten, ihm einen Schlafplatz für die Nacht zu vermitteln. Allerdings meinte er, dass er die dementsprechenden Stellen schon kannte und auch schon dort geschlafen hatte, aber er dürfe nicht mehr dort übernachten…Wir gingen etwas von der Rolltreppe weg und standen mitten in der Unterführung. Ich war leicht überfordert, wie ich ihm jetzt noch etwas Gutes tun könnte. Ich stand so, dass ich die Rolltreppe und die normale Treppe im Hintergrund sah, während ich ihn anschaute. Er war 21 Jahre alt und es zerbrach mir fast das Herz ihn so zu sehen. Plötzlich kam ein Mann schnurschracks mit schnellen, festen Schritten die Treppe hinunter, geradewegs auf unseren Kumpan zu. Ich wusste schon, als ich den Mann an der Treppe sah- beim ersten Schritt!!!- dass er auf uns zugehen werde. Er hielt vor unserem Freund an und sagte ihm: „Hey Junge! Wie alt bist du?“ Der Mann war 74 Jahre und konnte kein Englisch und der junge Mann konnte kein Deutsch. So mussten wir übersetzen. „Junge, du musst kämpfen. Das Leben ist ein Kampf. Du könntest mein Enkelkind sein! Ich liebe dich, wie meine anderen 6 Enkel. Was dir fehlt ist die Liebe deines Vaters! Du bist so stark! Du bist so hübsch! Schau dich mal an, Junge, wie hübsch du bist! So ein schönes Gesicht! Und solch schöne Augen! Junge, du hast Kraft! Du bist stark! Du darfst dich nicht hängen lassen! Du darfst nicht aufgeben!“ Dann nahm er mit seinen beiden Händen den Kopf des Jungen, den er ziemlich hängen gelassen hatte, und richtet ihn auf. Er stellte den ganzen Menschen aufrecht hin. „Junge, du musst aufrecht stehen! Du bist wer! Du bist stark!“ Unser Freund bedankte sich. Es dauerte nicht lange und der junge Mann verfiel wieder in diese gebückte Haltung. „Junge, du musst aufrecht stehen!“ Und wieder nahm der Mann liebevoll sein Gesicht in seine Hände und richtete seinen Kopf, ja seinen ganzen Körper auf. Das lief drei mal so ab. Und wieder sagte der Mann, dass er wertvoll sei und dass er kämpfen müsse. Er dürfe nicht aufgeben. Er sei etwas Besonderes. Er sei so stark und er hätte so viel Potenzial! Dann nahm der ältere Mann sein Gesicht wieder in die Hände und küsste ihn liebevoll auf seine Stirn!! Er küsste diesen nach allem möglich riechenden, dreckigen, und doch schönen Mann einfach auf die Stirn!! Es war erstaunlich, wie viel Liebe er für diesen Jungen hatte!! Während er so schöne Sachen zu ihm sagte, kam es mir vor, als würde er das auch zu mir sagen und ich war voll ermutigt. Es war erstaunlich, weil die beiden kannten sich gar nicht! Wie kann ein wildfremder Mensch mit solch schnellen Schritten direkt auf eine Person zu- und um ihn herum gehen (der Obdachlose stand ja mit dem Rücken zu ihm) und ihm dann sagen, dass er ihn liebt! Wow!! Er hatte ihn auf die Stirn geküsst!..
Wir luden den älteren Mann in unsere Gemeinde ein und sagten, wir müssen jetzt gehen. Es war kurz vor 6. „Nein! Ihr müsst da bleiben! Ihr müsst weiter übersetzen!“, beharrte er. Ok, wir blieben. Dann wollten wir wieder gehen, er bestand wieder darauf, dass wir noch blieben. „Was wollte er denn jetzt noch?“, fragte ich mich innerlich. Als würde er meine Gedanken lesen können, meinte er: „Ihr müsst dem Jungen sagen, dass ich ihn liebe. Ihr müsst ihm sagen, dass er wertvoll ist. Übersetzt das alles für mich!“ Ich dachte mir nur: „Ja, das haben wir doch schon alles gemacht. Wie oft sollen wir ihm das noch sagen?“ Dann erinnerte ich mich daran, was ich vor ein paar Minuten gesehen hatte: Als der ältere Mann den Jungen wieder einmal aufrichtete und so liebevoll an ihn ranredete, sah ich ihm direkt in seine wunderschönen Augen- er hatte tatsächlich schöne Augen, die mir auch schon vorher aufgefallen waren- und ich sah etwas neues in den Augen, was ich bis dato nicht in diesen Augen gesehen hatte: Es war das Leben! Ich sah wie Leben in diesen jungen Menschen zurückkam!! Seine Augen haben angefangen zu leuchten und er fing an zu strahlen. Dieses Strahlen in seinen Augen verriet natürlich die Freude auf der einen Seite, aber auch Frieden. Es war absolut erstaunlich!

Seit dem Erlebnis denke ich nur an diesen älteren Herrn und wie er mit ihm umgegangen ist. Ich fragte mich die ganze Zeit, wie er ihn nur so lieben konnte. Jetzt, zwei Tage später weiß ich es: ES WAR EIN ENGEL!

Als mir das aufgefallen war, musste ich so lachen: Wir hatten diesen Engel in unsere Gemeinde eingeladen!

Dieses Erlebnis zeigte mir die Liebe Gottes ganz praktisch. Gott hatte uns beim Dienen geholfen, als wir nicht mehr weiter wussten. Gott hatte uns einen Engel geschickt, der uns zeigte, wie man einen Menschen aufrichtet. Ich erkannte zum ersten Mal ganz stark, dass, wenn wir EINEN Menschen ermutigen, es zwei, drei andere Menschen automatisch mitermutigt. Wenn wir EINEM Menschen etwas Gutes tun, tun wir zwei, drei anderen Menschen auch etwas Gutes.
Wir durften mit ansehen, wie ein Halbtoter wieder zum Leben erwachte! Danke Gott, dass du nicht locker gelassen hast! Danke Gott, dass der Engel so gedrängelt hat: „Sieh her und übersetze. Sieh her, wie ich ihn liebe!“ Immer wieder dieses: „Sag ihm noch mal, dass er besonders ist. Und noch mal…und noch mal…bis er es versteht…und wieder Leben in ihm ist…Sag es ihm! Geh nicht weg!“
Simone

Was Simone beim verfassen des Eintrags nicht wusste, war, dass ich während des Gesprächs mit dem jungen Mann aus dem Baltikum kurz gebetet habe: Jesus, wir möchten dem jungen Mann gerne helfen, wissen aber nicht wie. Wir sind überfordert. Wir brauchen Unterstützung! Nur eine kurze Zeit später kam dieser ältere Mann direkt auf uns zu und ist förmlich in unser Gespräch geplatzt. Am Anfang hatte ich den Eindruck, die Zwei kennen sich schon. Erst später wurde mir bewusst, dass kann nur die angeforderte Hilfe gewesen sein.
Ralf